LIZ GEHRER

 

 

SEIN KOPF AUS STERNEN, ABER NOCH NICHT ZU KONSTELLATIONEN GEORDNET (Elias Canetti, Aufzeichnungen 1942-1948, Carl Hanser Verlag, München 1965, S. 132).


Menschen werden unter anderm geprägt durch ihre Umgebung und das Verhältnis zu ihr. Manche Faktoren lassen sich selber gestalten. Andere Einflüsse entziehen sich eigenen Steuerungsversuchen.

In meinem Zyklus "Menschen" arbeite ich seit 1990 vorrangig skulptural mit Altkarton, den ich härte, sowie Eisen; bei der Malerei verwende ich hauptsächlich mineralische Farben auf Karton. Meine Wahl des Materials erfolgte nicht zufällig: Mehr als andere Materialien erlaubt mir Altkarton, trotz oder gerade wegen seiner bei der Verarbeitung erreichten Härtung, Prozesse und Strukturen auch noch im Nachhinein, am fertigen Objekt, aufzuzeigen. Furchen, Risse, Ein-Drücke bleiben erkennbar und sagen schon rein körperlich aus, was mich thematisch in diesem Zyklus besonders beschäftigt: die Verletzlichkeit, aber auch die Stärke, der Menschen und ihrer Beziehungen.

Im Zyklus "Kräfte", formal als Objekte aus gehärtetem Papier (häufig, aber nicht notwendigerweise, in Verbindung mit Eisen) gestaltet, beschäftige ich mich seit 1995 mit der(Un-)Steuerbarkeit und Sichtbarmachung der Kräfte, welche im Zusammenwirken sogenannt einfacher Werkstoffe (wie pergamentähnlichem Papier und Kleb- und Baustoffen) beim Trocknungs- bzw. Härtungsprozess freigesetzt werden und im eigentlichen Wortsinn "Form schaffend" sind. So verbiegen sich Eisenstäbe unter der Kraft des mit Kleister getränkten, trocknenden Papiers. Oder dieses verliert während des Trocknens seine Fragilität. Oder im Wind trocknende Papierbahnen erstarren in der Bewegung; etc. Die Frage, wie weit sich die Eigendynamik der Werkstoffe durch Eingriffe von aussen unterstützen oder aber eingrenzen lässt, reizt mich dabei einerseits wegen des materiellen Gegensatzes und der scheinbaren Verkehrung physikalischer Gesetzmässigkeiten, andererseits und vor allem mit Blick auf ihre allgemein gültige Aussagekraft: Letztlich geben derartige Einflüsse (oder Versuche, Einfluss zu nehmen bzw. zu begrenzen) wohl nur wieder, was für unser Leben und unsere Gesellschaft gilt: Stimmungen und Zufälle, das Unvorhergesehene, Unberechenbare und nur bedingt Kontrollierbare beeinflussen und verändern uns, sind häufig gar wegweisend. Der Werkstoff Papier erscheint mir zur Darstellung solcher Prozesse besonders geeignet, weil er aufgrund seiner (fragilen) Natur und differenzierten Verarbeitungs-möglichkeiten (z.B. unterschiedliche Härtung, Schichten, Wicklung, etc.) die Offenlegung der Veränderungen begünstigt, welche sich als Folge von Einflüssen (Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Kräfte) einstellen.

Liz Gehrer, März 2003